Logo Spielart 2005
english
FIT - Europäisches Festivalnetzwerk

PerformPerform - Vor und Nach dem Festival
www.spielmotor.de

P.O.P. - Passion_Obsession_Pathos

        Hey welcome! I come, Boom Boom Baby
        Ja Ladies, I am bigger than Bang, Bang
        é si si si si si i bin …

 

… so heißt es in der Festivalhymne der Bairishen Geisha zum SPIELART-Thema 2005: "P.O.P. - Passion_Obsession_Pathos". Nach längerer sinnlicher Trockenperiode ist es wieder erlaubt, Gefühle zu zeigen, Emotionen zu riskieren, Theater darf lustvoll sein, vulgär, leidenschaftlich, kitschig. Also herzlich willkommen zur 6. Ausgabe des Festivals SPIELART!

… ist keine Anleitung zum Glücklichsein, ein Theaterfestival ist kein Wellness-Institut, das sich um Ihr Wohlbefinden kümmert - dafür müssen Sie schon selber sorgen. Was wir Ihnen bieten wollen, sind verschiedene Antworten auf unsere Frage nach dem Risiko, das die Theaterkünstler mit ihren Inszenierungen eingehen, wenn sie starke Emotionen auf der Bühne darstellen.

… können Sie die Hände über den Kopf zusammenschlagen: hat es nicht fast hundert Jahre gedauert, um den Schauspielern das verdammte Pathos abzugewöhnen? Warten Sie's ab, wir sind nicht interessiert am überkommenen to-be-or-not-to-be-Pathos, sondern - und das schon seit Beginn von SPIELART - an originellen Ausdrucksformen und kommunikativen künstlerischen Strategien im Theater, jenseits klassischer Dramatiken, jenseits klassischer Aufführungsmuster.

SPIELART 05 handelt von Ausnahmezuständen, des Körpers, der Seele, des Geistes. Befinden wir uns nicht schon zu lange in der Möbiusschleife des rationalen Diskurses und der Verwissenschaftlichung? Wie stehen Sie zur Verdrängung des Mystischen und des Mythischen, des Rituellen und Religiösen? Zur kulturellen Kolonialisierung durch die wissenschaftliche Rationalität, die unsere Sprache prägt, unser Denken formalisiert und unsere Erfolgs- und Glücksdefinitionen bestimmt?

Jedenfalls ist es mal an der Zeit für das Theater, sich in besonderer Weise einzulassen auf große Gefühle und Leidenschaftlichkeit. Schon deswegen, um das Feld öffentlicher Darstellung von Emotionalität nicht kampflos den Werbestrategen, Fernsehmachern und Spindoktoren zu überlassen, die uns schon jeden Vor-, Haupt- und Spätabend mit Gefühlssurrogaten einlullen. Nur in domestizierter, von aller Gefährlichkeit und Geschichte bereinigter Form, in vorfabrizierten Mustern sind Gefühle öffentlich sanktioniert, weil sie sich so sozial verwalten, kollektivieren und vermarkten lassen.

SPIELART 05 richtet für einen Moment den Blick auf ein Theater, das sich Utopien leistet, das sich pathetisch, obsessiv und passioniert den Innenwelten widmet, auf ein Theater, das sich den angeblich so überkommenen und unpolitischen Fragen der Ritualität und der Transzendenz, der Leidenschaft und Obsession aussetzt.

… und vergessen Sie nicht, dass Sie sich auf dem Gebiet der Künste befinden, die sich den Luxus erlauben dürfen, lustvoll durch alle möglichen verrückten, mag sein irrationalen, mag sein unlogischen Synapsen und Ganglien zu hüpfen.

… Greif tiefer! Will schaun was drin ist!

 

Tilmann Broszat und Gottfried Hattinger