Zum Programm Wir sind es gewohnt, in unterschiedlichsten Realitäten zu leben, uns an sie anzupassen, sie für uns nutzbar zu machen. Doch manchmal entstehen Zweifel: Welche Geschichte ist wahr, welche nicht, welche PR-Strategien, Manipulationen und Suggestionen bringen uns dazu, eher die eine oder die andere Version zu glauben, diesem oder jenem Bild zu vertrauen, dieser oder jener Emotion zu folgen? Diese in Kunst und Philosophie seit ewigen Zeiten immer wieder gestellten Fragen bekommen allerdings nach dem 11. September, seit Afghanistan und dem Irak-Krieg verschärfte Bedeutung. Es geht uns hier aber nicht darum, die allgegenwärtigen Medienanalysen aufzugreifen, sondern den Fragen der Künstler, ihren über die Tagesereignisse hinausweisenden Langzeit- und Lieblingsthemen zu folgen. Unser Alltag, unser Umfeld, das politische und gesellschaftliche Leben wird heute größtenteils als inszeniert empfunden: Sozialingenieure, Medienberater, ‚embedded journalists' und Human-Relations-Experten kreieren die medialen Sinnwelten, die wir herzlich gerne akzeptieren wollen. ‚Performance' ist überall, was soll da noch die Kunst, das Theater? Schon Seneca hatte festgestellt, wie selektiv wir wahrnehmen. Wir sehen, was wir sehen wollen, aber wir stellen uns auch gerne vor, wie etwas sein könnte. Utopien spielen eine große Rolle bei künstlerischen Überlegungen, sie sind politisch in dem Sinne, als sie Finger in Wunden legen und Gegenwelten imaginieren. Dieses Jahr stellt SPIELART die Frage nach "Real" oder "Fake" als Beitrag zur Forderung nach einem wieder politischen Theater in den Raum und stellt Künstler vor, die in ihren Arbeiten "Das Reale" neu entdecken und hinterfragen. Als Spuren- oder gar Wahrheitssucher betreiben sie ihre eigenen Recherchen nach dem Stoff des Wirklichen. Sie formulieren Fragestellungen neu und entwickeln Formen des künstlerischen Vortrags, der das Theater-‚Spielen' durch neue Stile der Präsentation ersetzt, der neue Erfahrungs- und Diskurshorizonte eröffnet und die scheinbare Evidenz unserer "Nachrichtenwirklichkeit" in Frage stellt - unmittelbar, spielerisch, mit versteckter Ironie und einem feinen Gespür dafür, was Poesie in unseren Tagen sein kann. Sie finden und erfinden Propaganda-Tricks, Real-Time-Filme, dadaistische Traumbilder, mediale Kriegsszenarien, verbale Jam Sessions, raffinierte Lügenmärchen - und vielleicht ein paar Wahrheiten - oder einfach nur Geschichten. Sie zeigen uns, wie Wirklichkeiten produziert, hergestellt, verteidigt, gepusht, zerstört - oder einfach nur erinnert - werden: in Polen und den Niederlanden, den USA, Russland und Argentinien, im Libanon, in Großbritannien, Belgien und natürlich in Österreich und Deutschland, einschließlich München. Die Frage nach der Wirklichkeit spiegelt sich in den Projekten des Festivals auf unterschiedlichste Weise. Im Länderschwerpunkt polska@spielart, stellen wir polnische Theatermacher vor, die für den Theaterdiskurs hierzulande Impulse geben können: Die Frage nach der Durchsetzbarkeit der Wahrheit bei Grzegorz Jarzyna, die computer-animierte Rekonstruktion einer historischen Choreographie von Katarzyna Kozyra, die dadaistisch-absurde Welt des Teatr Cinema, die politisch-theoretisch inspirierten Performances von Komuna Otwock und eine Diskussion um das polnische Theater in einem erweiterten Europa. Die medialen Bühnenprojekte der Big Art Group, von Hotel Modern und dem Théâtre UBU zeigen aus je unterschiedlichen Blickwinkeln - live vor den Augen der Zuschauer - wie Realität hergestellt wird: in soap operas, im Kriegsfilm - und in der Kunst. Dood Paard, Jewgenij Grischkowez, Jan Lauwers, Forced Entertainment, die Compagnie Dakar und Cornelie Müller erforschen das Verhältnis von Wahrheit und Lüge, von Mythos und Realität, die Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen, und die Chancen einer zeitgenössischen Poesie. In der Reihe zum Thema Is it real? verschärfen Jan Ritsema, Bojana Cvejic, Julius Deutschbauer, Leopold von Verschuer, Gerhard Spring, Tim Etchells und Walid Ra'ad die Frage nach "Real" und "Fake" in unterschiedlichen Performance- und Vortragsformen: Dokumente, Theorien, Biografisches werden in absurden Lehrvorträgen, als Monolog, Story Telling, Diavortrag und in Spielsituationen präsentiert. In der Wirklichkeit außerhalb der Theaterräume bewegen sich Johan Lorbeer, Miriam Reeders, die Seven Sisters Group, Stefan Kaegi und Christina Ruf: Interventionistisch machen sie die Stadt München zur Bühne für Unerwartetes und Überraschendes. Der Länderschwerpunkt polska@spielart wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes. Das Theaterinstitut der Niederlande hat uns geholfen, 2003 auch zahlreiche niederländische Theatermacher in München vorzustellen. Bei Ihnen und allen anderen Partnern, Mitveranstaltern, Förderern und Ratgebern bedanken wir uns herzlich. Suchen Sie mit uns die großen Wahrheiten und kleinen Lügen, lassen Sie sich mit uns ein auf die Realitäten und Irrealitäten des Theaters. Seien Sie uns willkommen bei den Vorstellungen, beim Symposium und als Gäste im Festivalzentrum. Jedenfalls können Sie sicher sein: Dies IST ein Theaterfestival. Tilmann Broszat |